Buchempfehlungen

Zu den Veranstaltungen des Forums für jüdische Geschichte und Kultur e.V. in Nürnberg laden wir regelmäßig Autoren ein, die ihre Werke und die jeweilige Thematik im Rahmen von Lesungen vorstellen.


Pieter G. Kohnstam: Mut zum Leben  - Eine Familie auf der Flucht in die Freiheit

Ja, es bedurfte eines beeindruckenden Mutes für diese kleine Familie, die Flucht vor der gnadenlosen Verfolgung durch das deutsche NS-Regime und seinen Fangarmen in ganz Europa zu überstehen.

 

Die Flucht-Geschichte der Kohnstams zeigt den Verlust der bürgerlichen Existenz und die ständige Gefahr, entdeckt und in Vernichtungslager gebracht zu werden - und das über ein Jahr hinweg. Nicht eine Grenze musste überwunden werden, um in Sicherheit zu gelangen, es waren viele, eine gefährlicher als die andere. Das geht nicht ohne Mut zum Leben. 

 

Die Erzählung zeigt aber auch Menschen, ohne deren Hilfe die Flucht nicht gelungen wäre.  Die meisten halfen ohne jede Gegenleistung, sei es aus politischer oder rein humanitärer Haltung, Oft taten sie dies, indem sie sich über Ihre Vorschriften hinwegsetzten. 

 

Der Verfasser dieses Buches, Pieter Kohnstam, war der kleine Sohn, der mit Vater und Mutter auf der Flucht war. Es ist berührend zu lesen, wie er oft „Türen öffnete“ und den Zusammenhalt der Eltern stärkte.

 

Dieses Buch legt man nicht so schnell aus der Hand, bis die Kohnstams in Barcelona das Schiff nach Argentinien besteigen. Ihr Aufatmen ist gut nachzuempfinden.

 

Das Buch ist lesenswert; es ist anrührend und informativ. (Jürgen Fischer)

Der Historiker Dr. Helmut Schwarz hat dieses Buch ins Deutsche übersetzt. Als ehemaliger Leiter des Nürnberger Spielwarenmuseums ist er prädestiniert dafür, über die Geschichte des Spielwarenhandelshauses Kohnstam aus Fürth zu schreiben. Er hat das in einem Anhang zu diesem Buch getan. Von der Gründung des Familienunternehmens bis zur Zerschlagung durch die NS-„Arisierung“ ist dies eine deutsche Geschichte.

 

(Veranstaltung am 16. Mai 2017)


Hermann Glaser: Adolf Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“

Ein Beitrag zur Mentalitätsgeschichte des Nationalsozialismus

Bisher wurde die Zeit des Nationalsozialismus vor allem politisch-historisch versucht zu erklären. Die wirtschaftlichen Folgen des ersten Weltkriegs, die Dolchstoßlegende, Inflation und Arbeitslosigkeit sind die wesentlichen Argumente.

 

Hermann Glaser hat „Mein Kampf“ kulturhistorisch kommentiert. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Hitler in diesem Buch zusammengefasst und überspitzt wiedergegeben hat, was in der Mentalität der großen Mehrheit der Deutschen seit langem angelegt war.

Glaser zitiert Originalpassagen aus „Mein Kampf“, die dies typisch aufzeigen. Er belegt das akribisch mit vielen Quellen aus dem 19. und angehenden 20. Jahrhundert, die zeigen, „wie das kommen konnte“. Beindruckend: Franz Grillparzers Vision (1849), dass der deutsche, geschichtliche Weg von der „Humanität durch Nationalität zur Bestialität“ führe.

 

2016 endet der Urheberrechtschutz, den der Freistaat Bayern über Hitlers Verlag „geerbt“ hat. Dann darf „Mein Kampf“ neu gedruckt werden und in den Buchhandlungen aufliegen.

 

Es wird auch eine kommentierte Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte geben. Die Diskussion über Hitlers übles Machwerk flammt womöglich auf.  Glasers Buch ist eine unverzichtbare Kommentierung. (Jürgen Fischer)

Foto: © fotura.de
Foto: © fotura.de

Prof. Dr. Hermann Glaser, geboren 1928 in Nürnberg. Studium der Germanistik, Anglistik, Geschichte und Philosophie, Schuldienst, von 1964 bis 1990 Schul- und Kulturreferent der Stadt Nürnberg, geprägt von persönlichen Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus, war wohl der erste deutsche Publizist, der entgegen dem damaligen, von allgemeiner Verdrängung geprägten Zeitgeist in der Nachkriegszeit damit begonnen hat, die Ideologie des Nationalsozialismus auch im Zusammenhang mit der Mentalitätsgeschichte des deutschen Bürgertums zu begreifen und darzustellen. 

(Veranstaltung am 23. April 2015)


Ruth Hallo: Die Trostfrauen

Die (fiktive) Chinesin Meian gibt den nach Schätzungen 300.000 Frauen eine Stimme, die die Kaiserliche Japanische Armee während der Besetzung Chinas zur Prostitution gezwungen (und häufig auch ermordet) hat. Trotzdem ist der historische Hintergrund, den man sich grausamer kaum vorstellen kann, noch wenig bekannt. Heute leben nur noch wenige dieser Opfer, meistens ausgestoßen und in bitterer Armut.

Meian erzählt ihre Lebensgeschichte voller sexueller Gewalt und Verrat als schon alte Frau vor einem japanischen Gericht. Ihre Kindheit endet mit 13, als sie mit einem windigen Arbeitsangebot in ein japanisches Militärbordell gezwungen wird. Dort reagieren sich tausende japanische Soldaten an der Schutzlosen ab. Auch als Meian Jahre später die Flucht gelingt, bleibt sie recht- und schutzlos und sogar in der eigenen Familie ausgestoßen. Nach der frauenfeindlichen konfuzianischen Tradition, der auch ihre Familie anhängt, hätte Meian sich umbringen sollen. Sie überlebt nur mit Lügen über ihre jahrelange Abwesenheit. Erst mit Unterstützung einer Sinologin aus Deutschland (in der die Autorin unschwer zu erkennen ist) ist Meian bereit zu sprechen.

Der Text ist leicht lesbar, detailreich und teilweise verstörend und durchaus drastisch. Hier ist die Entstehungsgeschichte ein wesentlicher Teil des Buches. Die Autorin, die über das Thema auch promoviert hat, schreibt kenntnisreich, niemals belehrend, aber immer mitfühlend. Dieses Buch fesselt ungemein. Man kann es kaum wieder aus der Hand legen. Es geht ungemein nahe und man braucht bei der Lektüre immer wieder Pausen. (Helmut Steinke)

Foto: © Studio Unger
Foto: © Studio Unger

 

Ruth Hallo, Dr. phil., 1957 in Tel-Aviv geboren, zog 1980 nach Nürnberg. 1994 begann sie ihr Studium der Sinologie, das sie nach Studienaufenthalten in China mit der Promotion beendete. Sie lebt als Autorin und Wissenschaftlerin in Nürnberg.

 

(Veranstaltung am 3. Februar 2015)


Ronen Steinke: Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht

Fritz Bauer hat in seinem Leben so viel gemacht und erreicht, dass man sich als Leser dieser genau recherchierten Biografie fragt: Wie hat er das alles nur geschafft? Gleich nach dem Jurastudium lieferte der junge Fritz Bauer nach nur einem Jahr seine Doktorarbeit ab, die die Bestnote bekam. Und diese Arbeit entstand, während Bauer tagsüber als Referendar arbeitete. Seine Beförderung mit nur 28 Jahren zum Amtsrichter war erst der Anfang eines Lebens auf der Überholspur. Von den Nazis im KZ eingesperrt, konnte er später nach Dänemark und später Schweden fliehen und dort überleben.

Als Generalstaatsanwalt, vor allem in Frankfurt, ermöglichte Bauer später die Ergreifung von Eichmann in Argentinien, brachte er „Auschwitz vor Gericht“, schrieb Bücher, hielt Vorträge, setzte sich für die Abschaffung der Diskriminierung Homosexueller ein, usw. usf. Und das alles in einer jungen Bundesrepublik, in der in den 60-Jahren auf vielen Schlüsselpositionen noch Männer mit NS-Vergangenheit saßen. Vereinsamt und ausgebrannt starb Bauer mit nur 65 Jahren.

Das Buch beschreibt nicht nur eine faszinierende Biografie, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte. Unsere heutigen Lebensumstände, so abgesichert und frei sie uns erscheinen mögen, fielen nicht vom Himmel. Fritz Bauer hat dazu mehr beigetragen, als den meisten von uns bisher bewusst war.

Es ist das Verdienst des noch jungen Autors, dies auf eine äußert spannende und sprachlich elegante Weise zu vermitteln. Hier kamen sein juristischer Hintergrund und seine journalistische Erfahrung besonders glücklich zum tragen. Dieses Buch ist bestens lesbar und seine Lektüre uneingeschränkt zu empfehlen. (hs)

Foto: © Ulrike Steinke
Foto: © Ulrike Steinke

Ronen Steinke, Dr. jur., geboren 1983 in Erlangen, ist Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Zuvor studierte er Jura und Kriminologie, arbeitete in Anwaltskanzleien, einem Jugendgefängnis und zuletzt beim UN-Jugoslawientribunal in Den Haag. Er lebt in München.



(Veranstaltung am 26. Oktober 2014)


Lea Feynberg: Ich werd sowieso Rapper

Es handelt sich dabei um leichte Kost, das muss aber durchaus nichts Schlechtes sein. Das Buch ist gut gemacht und verbindet ganz geschickt verschiedene Elemente: Zum Einen Episoden aus dem manchmal haarsträubenden Schulalltag in einer Sekundärschule in Berlin. Dort versucht eine engagierte und strapazierfähige Lehrkraft ihren Schülern, fast ausschließlich Migranten, beharrlich klar zu machen, dass es durchaus hilfreich ist, einen Schulabschluss zu haben, wenn man reich und berühmt werden will. Die Schilderungen sind sehr unterhaltsam und amüsant und der Blick auf die Schüler enthält viel Sympathie und Anteilnahme. Zum Anderen erzählt die Autorin auch von Ihrer Kindheit in Russland und dem schweren Start in der neuen Heimat, allerdings aus einer etwas anderen Perspektive. Sie sieht ihre gelungene Integration in Deutschland durchaus als "Erfolgsgeschichte" (Originalton) und es wird auch deutlich, welche Faktoren in Familie und Werdegang dazu beigetragen haben. Und schließlich kommt auch an einigen Stellen ihre jüdische Identität zum Tragen, auch wenn dieser Aspekt nicht dominiert. Besonders wenn ihre Schüler Vorurteile über Juden absondern, wird entlarvt, wie viel Ignoranz hinter all diesen blöden Sprüchen steckt und dass man echt lauthals darüber lachen müsste, wenn die Auswirkungen und der Hintergrund nicht mitunter so ernst wären.

 

Im letzten Teil geht die Autorin an einigen Stellen deutlicher auf die Problematik eines Schulalltags unter den Bedingungen ein, die sie an ihrer Berliner Schule vorfindet: Referendare bzw.Lehrer, die unter Erfolgsdruck stehen und mit Erziehungsaufgaben überfrachtet werden, Schüler mit bildungsfernem und schwierigem sozialen Hintergrund. Trotzdem fällt ihr Fazit des Schuljahres und ihres Lehrerlebens erstaunlich positiv aus

 

Alles in allem: Ein gesellschaftlich relevantes Thema ausgesprochen unterhaltsam verpackt und mal ein positiver Blick auf ein hinlänglich bekanntes Dilemma. Aber schließlich habe ich auch diesen Teil der jüdischen Kultur inzwischen ganz gut kennengelernt: Nur nicht aufgeben und mit Humor und ein wenig Nachsicht auf die großen und menschlichen Schwächen geblickt, die uns umgeben – das bringt Einen am Ende weiter.  (Sabine Stamminger)

 

Lea Feynberg, 1980 geboren in Moskau, Russland, wanderte mit 10 Jahren nach Deutschland ein, studierte Pädagogik, Geschichte und Politik in Heidelberg und lebt heute in Berlin.

(Veranstaltung am 2. Juni 2014)